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Flutkatastrophe Juli 2021 – der größte Einsatz der Geschichte – Einsatz Nr. 87/2021

Pressemitteilung FW VG Adenau

 
Als am 14. Juli 2021 gegen 13 Uhr die erste Alarmierung erfolgte, ahnte bei einem Pegelstand von 93cm an der Ahr in Müsch noch niemand, welche Katastrophe sich im Ahrtal ereignen würde.
Anfänglich war es starker Regen, vor Allem der Zuflüsse der Ahr. Es entwickelte sich eine unvorstellbare Flutwelle, die an der Ahr Menschenleben nahm und Gebäude sowie weitere Infrastruktur zerstörte. Der darauffolgende Feuerwehreinsatz wurde für unsere Verbandsgemeinde zum größten der Nachkriegsgeschichte, wenn nicht sogar aller Zeiten. Er endete nach 25 Tagen am 08.08.2021.
 
Schuld nach der Flut 2021
Schuld nach der Flut 2021
 
Die anfänglich in Einsatz gebrachten Sandsäcke waren bei den unvorstellbaren Wassermengen schnell nicht mehr das richtige Mittel. Täler wurden überflutet, Straßen abgeschnitten und unterspült, später teilweise zerstört. Bereits am Nachmittag kam es zu einem Vollalarm der Feuerwehren der Verbandsgemeinde Adenau. Zusätzlich wurde Hilfe von außerhalb angefordert, unter Anderem Boote, Strömungsretter und Hubschrauber. Letztere konnten aufgrund des Wetters kaum in den Einsatz gebracht werden. Und das, obwohl die Menschen in ihren Häusern oder auf Campingplätzen eingeschlossen wurden! Ein großer Teil konnte mit kreativen Lösungen und der Hilfe von Landwirten, Hubschraubern oder per Drehleiter gerettet werden. Auf einem Campingplatz wurde auf kurzem Dienstweg der Rettungshubschrauber Air Rescue Nürburgring eingesetzt. Dieser verfügt nicht über eine Winde, es wurde eine simple Feuerwehrleine aus der Tür gehalten. Die Lösungen mussten so kreativ wie machbar sein. Dennoch konnten leider nicht alle gerettet werden.
Die Lebensgefahr für unsere Einsatzkräfte war unvorstellbar.
Im Verlauf der Nacht auf den 15. Juli wurde insbesondere im Ort Schuld eine Rettungsaktion gestartet, bei der etwa 40 Menschen aus ihren Häusern gerettet werden konnten. Ein Gebäude zerbrach unmittelbar nach der Rettung in zwei Teile. Die Strömungsgeschwindigkeit der Ahr wurde mit 50km pro Stunde gemessen, sodass auch die Strömungsretter bei vorbeischwimmenden Überseecontainern stellenweise auf fallende Pegel warten mussten. Manche Menschen mussten bis zum nächsten Morgen in den obersten Stockwerken ausharren. Anfangs galten viele Menschen noch als vermisst, glücklicherweise konnten noch sehr viele aufgefunden werden. Doch trotz einer Mobilisierung aller verfügbaren Einheiten, Hilfe von außerhalb und einem Kraftakt, der mit nichts bis dahin Gewesenem zu vergleichen ist, starben in der Verbandsgemeinde Adenau 8 Menschen in den Fluten. Unter ihnen leider eine unserer Kameradinnen, als sie bei einer Menschenrettung auf dem Campingplatz Stahlhütte vom Wasser eingeschlossen und mitgerissen wurde. Zwei weitere Bewohner der VG Adenau starben in den Fluten, allerdings nicht in der Verbandsgemeinde Adenau.
Trotz der Dramatik war ein Durchschnaufen noch nicht möglich, denn viele Menschen hatten durch die zerstörte Infrastruktur keinen Strom, kein fließendes Wasser und damit auch keine Hygienemöglichkeiten mehr. Außerdem fehlte es an Medikamenten und medizinischer Infrastruktur, da auch die Arztpraxis in Antweiler betroffen war. Hier konnte glücklicherweise durch die Praxis Haan in Schuld schnell und unkompliziert Abhilfe geschaffen werden. Außerdem wurden Sanitäts- und Verpflegungseinheiten angefordert, damit die Bevölkerung mit dem Nötigsten versorgt werden konnte.
 

Wasserversorgung

In allen Ortschaften entlang der Ahr fehlte es an Trinkwasser, Strom und Hygienemöglichkeiten. Die enge Verzahnung mit dem Nürburgring stellte sich hier als große Hilfe heraus. So erhielt jeder Ort entlang der Oberahr kurzfristig IBC-Container, gefüllt mit Brauchwasser. Trinkwasser kam in großen Spenden als Trinkflaschen, von privat, aber auch von einigen großen Wasserproduzenten der Region. Wegen zerstörter Wasserleitungen wurde in Schuld eine Trinkwasseraufbereitungsanlage durch das Technische Hilfswerk erbaut. Die umliegenden Hochbehälter waren durch eine zerstörte Wasserleitung bei Antweiler leergelaufen und mussten durch Tankfahrzeuge gefüllt werden. Eine weitere logistische Herausforderung, die im Verborgenen blieb, aber viele Ressourcen band.
 

Stromversorgung

Strom konnte dank enger Zusammenarbeit mit dem Netzbetreiber Westnetz in Teilen sehr schnell wieder hergestellt werden. In einigen Ortsteilen war das Netz aber physisch zerstört. Hier mussten neue Leitungen und vor Allem Umschaltpunkte von Mittel- auf Niederspannung erbaut werden. Vorrübergehend wurden vielerorts Stromaggregate stationiert. Auch Straßenbeleuchtungen musste mittels Aggregaten ersetzt werden.
 

Kommunikation

Alle Arbeiten fanden ab der Nacht des 14. auf den 15. Juli für mehrere Tage ohne Digitalfunk, Mobilfunk und Internet statt. Lediglich die Rückfallebene des Analogfunks konnte genutzt werden, allerdings vom gesamten Kreis Ahrweiler. Dies erschwerte die Arbeiten zusätzlich.
Auf den Bergen wurden kurzerhand mobile Masten für den Mobilfunk aufgestellt. Satellitentelefone wurden aus München angeliefert. Als diese endlich in Betrieb genommen werden konnten, sendeten die ersten mobilen Mobilfunkmasten bereits. Bis dahin war tagelang einer der sichersten Kommunikationswege, einen Melder los zu schicken, der die Nachricht oder Anforderung persönlich überbrachte.

 

Weitere Infrastruktur

Durch den Ausfall von Mobilfunk und Internet war Kommunikation und Informationsbeschaffung eingeschränkt. Jeder Ort erhielt einen Infopoint. Dort gab es neben Brauch- und Trinkwasser auch die notwendigsten Informationen.
 

Seuchengefahr

Nach dem Regen kam die Sonne. Daher wurden unter Anderem Warnungen vor Seuchen ausgegeben. Diese Gefahr wurde als realistisch eingeschätzt, unter Anderem hatte man Bedenken vor schweren Durchfallerkrankungen. Denn die Flut riss alles mit, darunter Kläranlagen, Tiere, Chemie, Öltanks und Leichen. Zum Glück blieb dieses Szenario aus! Und auch das Coronavirus legte in diesen Sommerwochen eine Pause ein.
Der Wiederaufbau der Infrastruktur gestaltete sich weiterhin vielfältig. Die als selbstverständlich betrachtete Infrastruktur wie auch Toiletten, die aufgrund von fehlendem fließendem Wasser, aber auch zerstörten Abwasserleitungen nicht verfügbar waren, musste ersetzt werden. Überall wurden Chemietoiletten aufgestellt. Anfänglich wurden Duschen von Dekontaminationszügen errichtet. Diese wurden später durch Duschcontainer ersetzt.
 

Verkehr

Weiterhin waren neuralgische Straßen zerstört. Dank der Unterstützung von Bausachverständigern und Tiefbauunternehmen der Region, insbesondere eines Unternehmens aus Kelberg, konnten kurzfristig und unkompliziert mehrere Straßen verfüllt werden. In Schuld war die Ahrstraße durch mehrere, metertiefe Löcher zerstört. Eine Baustraße musste her. Die Trümmer der sechs bereits durch das Hochwasser zerstörten Häuser wurden durch das THW in die Löcher verfüllt. Am nächsten Tag fuhren zwei Panzer der Bundeswehr mit ihren über 40 Tonnen über die Trümmer der Heimat und stellten die Baustraße fertig. Eine unbeschreibliche Szenerie, spätestens als noch General Breuer, seit der neuen Bundesregierung Leiter des Corona-Krisenstabes, mit einem Hubschrauber eingeflogen wurde und mitten im Ort landete.
Die Wassermassen zerstörten die Brücken in Müsch, in Antweiler teilweise, sodass sie noch befahrbar blieb, Schuld, Insul und Dümpelfeld. Die Bundeswehr schaffte zuerst in Insul eine Verbindung der beiden getrennten Ortsteile mit einer Brücke. Dort waren ebenfalls weitere Gebäude vollständig zerstört. Im Bereich Fuchshofen und Laufenbacherhof war kein Durchkommen mehr, ebenso zwischen Schuld und Insul. Daher nutzten nicht nur wichtige Personen den Luftweg. Auch Sprit und Material wurden kurzerhand eingeflogen.
Viele Baumaschinen waren ab dem ersten Tag im Einsatz. Von Stunde eins allen voran die Landwirte, ohne deren Hilfe nicht so viele Menschen hätten gerettet werden können. All diese schweren Fahrzeuge benötigten viel Platz. Daher mussten die privaten PKW der Helfer auf Shuttles umgelenkt werden.
 

Mediale Aufmerksamkeit

Diese Flutkatastrophe an einem sonst eher beschaulichen kleinen Fluss zog eine ungeahnte weltweite mediale Aufmerksamkeit auf sich. Diese konzentrierte sich anfangs auf den Ort Schuld. Hier war es möglich trotz fehlender Infrastruktur live zu senden. Das Interesse reichte einmal um den ganzen Globus, von Japan bis USA. Ministerpräsidentin Dreyer und Innenminister Lewentz aus Rheinland-Pfalz kamen bereits freitags nach Schuld, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Sonntags besuchte Bundeskanzlerin Merkel den Ort, ein medialer Höhepunkt. Sie nahm sich sehr viel Zeit und war im persönlichen Kontakt mit unseren Einsatzkräften sehr betroffen und interessiert an dem, was die Bundesregierung jetzt tun kann. Die Arbeiten sollten durch ihren Besuch nicht gestört werden. So musste der Rundgang durch Schuld, welcher live im deutschen Fernsehen übertragen wurde, umgelenkt werden, als es wieder Mal zu einem Gasgeruch auf der geplanten Route kam.
 

Grundschutz

Durch die vielen zerstörten Brücken und Verkehrswege mussten entsprechend viele Feuerwehren positioniert werden, um den Grundschutz zu sichern, aber auch um unsere eigenen Kräfte nach tagelangem Dauereinsatz abzulösen. Es kam immer wieder zur Gasaustritten aus defekten Gastanks. Außerdem brannte in Dümpelfeld ein Gebäude.
Tage danach waren noch weitere Arbeiten zu erledigen: Öl musste aus Kellern gepumpt werden, Wasserfässer bei noch teilweise zerstörten Wasserleitungen wurden gefüllt und auch im Bereich der Ahr waren noch Abpumparbeiten zu erledigen.
Der Grundschutz konnte nach 25 Tagen endlich wieder selbstständig übernommen werden und die geschätzt 50-70 Feuerwehren aus ganz Deutschland und auch Luxemburg konnten ihre Hilfe beenden.
 

Stabsarbeit Verbandsgemeinde Adenau

Der eigene Stab der Verbandsgemeinde Adenau mit Vertretern von Feuerwehr (Stabsfunktionen S1-S6), Verbandsgemeindeverwaltung, Rettungsdienst, Nürburgring, Tiefbauunternehmen, Bundeswehr, THW und örtliche Polizei wurde durch die technischen Einsatzleitungen aus der Vulkaneifel und Trier-Saarburg unterstützt.
Freitags wurde dieser Stab eingerichtet. Zu diesem Zeitpunkt waren Menschenrettungen abgeschlossen. Daher lag der Fokus auf dem Aufbau einer provisorischen Infrastruktur, sowie der Sicherung des Brand- und Gesundheitsschutzes.
Aus diesem Grund wurde die Stabsstelle 4, Versorgung, auf vier verschiedene Personen mit unterschiedlichen Schwerpunkten aufgeteilt: Kontaktpersonen VG-Verwaltung (zusätzlich zum ständig anwesenden VG-Bürgermeister sowie dem Ordnungsamtsleiter), Nürburgring, Tiefbauunternehmen sowie Feuerwehr. Als weitere Fachberater wurden Kontakte zur Westnetz (Video-Telefonie), Forstamt und dem Landesbetrieb Mobilität stetig gepflegt. Auf der weißen Schiene waren ein leitender Notarzt und ein organisatorischer Leiter, sowie meist 2 oder mehr Ärzte anwesend. Auch die psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) war ständig ansprechbar.
Zunächst war der Stab im Feuerwehrgerätehaus der Feuerwehr Adenau eingerichtet.
S1-S3 mit Personal, Lage und Einsatz wurde auf die Wehrleitung mit entsprechender Unterstützung aufgeteilt. Für die Dokumentation und Zuarbeit wurden bis zu drei Schreibkräfte hinzugezogen.
Die Feuerwehreinsatzzentrale übernahm die Stabsstelle 6 (Information und Kommunikation), vertreten durch eine zusätzliche Feuerwehrkraft. Die sehr personalintensive Arbeit machte es erforderlich, dass Kräfte der umliegenden Kommunen anderer Kreise insbesondere in den Nachtdiensten aushalfen. So war zumindest eine gewisse Ortskunde gewährleistet.
Presse- und Medienarbeit (S5) wurde durch den Pressesprecher der Feuerwehren der VG Adenau übernommen. Dies bereits ab dem ersten Tag mit Schwerpunkt der Medienbetreuung in Schuld, wo bereits in den ersten beiden Tagen 70 Interviews in die ganze Welt gegeben wurden. Später nicht nur vor Ort, sondern teilweise im Stab.
Nach der Verlagerung des Stabes in die Komturei Adenau gegenüber der VG-Verwaltung wurde S6 (Information und Kommunikation – IuK) durch das THW übernommen, die FEZ Adenau konnte sich auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren. Die Lagefeststellung (S2) sowie Personal und innerer Dienst (S1) wurden durch die technische Einsatzleitung übernommen. Einsatz (S3) wurde gemeinsam durch den BKI und den Wehrleiter fortgeführt. S4 wurde durch die technische Einsatzleitung unterstützt, blieb in ihrer bewährten Struktur aber bestehen. S5 blieb beim Pressesprecher der Feuerwehren der VG Adenau.
 
Der Stab konnte nach einem knappen Monat aufgelöst und die Aufgaben an den Verwaltungsstab der Verbandsgemeinde Adenau abgegeben werden. Dieser wurde noch weitere zwei Wochen durch die Feuerwehr beratend unterstützt. Dann endete auch diese Tätigkeit und die Feuerwehr führte wieder wie gehabt den Grundschutz durch, nachdem auch die Alarmierungsmöglichkeiten bei teilweise zerstörten Sirenen mittels Funkmeldeempfängern gesichert worden war.
 
Betroffene Ortschaften an der Oberahr (in der Verbandsgemeinde Adenau):
Dorsel (Campingplatz Stahlhütte), Müsch, Antweiler, Fuchshofen, Schuld, Insul und Dümpelfeld.
 
Dieser Einsatz, der die körperlichen und auch psychischen Belastungsgrenzen überschritt, wird nicht vergessen. Insbesondere im Andenken an die vielen Verluste, insbesondere unserer Kameradin!